Eine Entdeckungsreise in unseren Essalltag.
- 9. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Aug.

Protein hier.
Superfood dort.
Das nächste Supplement.
Die nächste App.
Die nächste Regel darüber, was wir wann und warum essen sollten.
Und dann denke ich an die Küchen, die ich auf meinen Reisen kennengelernt habe. Dort wurde einfach gekocht mit dem, was da war und mit dem, was die Jahreszeit hergab. Mit ganz einfachen, natürlichen Lebensmitteln. Und es wurde gegessen, was auf den Tisch kam.
Ich finde, wir haben unseren Essalltag unnötig kompliziert gemacht. Und genau diese Beobachtung ließ mich nicht mehr los.

In vielen Regionen unserer Erde sind Kochen und Essen ganz selbstverständlich Teil des Lebens.
Gemeinsam einkaufen.
Gemeinsam schnippeln.
Gemeinsam am Tisch sitzen.
Bei uns wird manchmal schon vor dem Kochen verhandelt, was gegessen werden darf, auf welchem Teller es serviert werden soll und ob die Karotte heute bitte nicht schon wieder Karotte sein könnte.
Ich habe auf meinen Reisen – und genau das war für mich so schön – oft etwas anderes erlebt: Es wurde mit Freude, mit Genuss und mit viel Zeit gegessen. Nicht alles musste perfekt auf den individuellen Geschmack zugeschnitten sein. Es durfte einfach Essen sein.

Und genau dieser Gedanke blieb bei mir hängen. Dann kam mein Sabbatical. Ich wollte herausfinden, ob sich diese Beobachtungen in unseren Alltag übertragen lassen. Nicht als neues Ernährungskonzept. Nicht als 47-seitiger Plan. Sondern so, dass es tatsächlich funktioniert. Auch an einem Dienstagabend, an dem niemand Lust hat zu kochen. Also begann ich zu kochen. Am ersten Tag war das noch ein Projekt. Nach einigen Wochen war meine Küche ein Versuchslabor. Nach einigen Monaten war ich ziemlich sicher, dass ich eine gute Idee hatte. Fünfzehn Grundzutaten müssten reichen.
Dachte ich. Taten sie nicht. Denn irgendwann lagen auf meinem Tisch Rezepte, Zutatenlisten, Notizen und vermutlich auch ein paar Dinge, die ich besser nicht mehr identifizieren wollte. 😂 Ich kochte. Probierte. Veränderte. Verwarf. Begann wieder von vorne. Manches kochte ich zweimal. Manches dreimal. Und manches verschwand so schnell aus meinem Konzept, dass ich mich heute kaum noch daran erinnere. Zwischendurch fragte ich mich:
Entwickle ich hier eigentlich gerade ein Ernährungssystem – oder produziere ich einfach sehr kreativ schmutziges Geschirr? 😂

Die fertigen Gerichte füllte ich in Gläser. Freunde kamen vorbei. Bekannte probierten. Familien nahmen Gerichte mit nach Hause. Und ich bekam ehrliche Rückmeldungen. Manches schmeckte. Manches nicht. Und plötzlich war es nicht mehr nur meine Idee. Sie begann mit anderen Menschen zu wachsen.
Eines Tages lagen mehrere Gerichte gleichzeitig vor mir. Und plötzlich sah ich etwas. Die gleichen Grundzutaten tauchten immer wieder auf. Was von einem Gericht übrig blieb, konnte im nächsten verwendet werden. Ein Lebensmittel musste nicht für genau ein Rezept gekauft werden. Es konnte für mehrere Mahlzeiten verwendet werden. Und plötzlich ergab alles Sinn. Ich hatte gar keine Rezeptsammlung entwickelt. Ich hatte eine Grundlage entwickelt. Eine Küche, in der die Dinge miteinander verbunden waren. Ein kleiner Kreislauf. Nicht perfekt. Aber durchdacht. Und vielleicht lag genau darin die Lösung: Nicht immer mehr Möglichkeiten zu schaffen. Sondern die richtigen Möglichkeiten miteinander zu verbinden. So entstand mein Buch "Die durchdachte Vorratsbasis".
Während ich kochte, wurde mir noch etwas anderes bewusst. Kochen ist Handwerk. Das Geräusch des Messers auf dem Schneidebrett. Der Geruch von Knoblauch in der Pfanne. Gewürze zwischen den Fingern. Noch einmal abschmecken. Eine Zwiebel, die plötzlich doch größer war als gedacht. Ein Topf, der zu klein ist. Natürlich ist er zu klein. Er ist immer zu klein. Und irgendwann steht man da, mit einem schmutzigen Schneidebrett, drei Töpfen und der Erkenntnis, dass man eigentlich nur schnell etwas kochen wollte. 😂

Aber genau diese Dinge sind es, die ich heute wieder schätze. In einer Welt, in der wir immer mehr digital erledigen, ist es schön, etwas mit den eigenen Händen entstehen zu lassen. Nicht alles muss optimiert werden. Nicht alles muss gemessen werden.
Nicht jede Mahlzeit braucht eine App, die uns anschließend erklärt, wie viele Kalorien sie hatte. Und vielleicht brauchen wir auch nicht für jedes vermeintliche Ernährungsdefizit ein Pulver aus einer hübschen Dose.
Vielleicht brauchen wir in unserer Esskultur wieder mehr von den einfachen Dingen:
gute Lebensmittel.
Bewegung.
Schlaf.
Zeit.
Menschen am Tisch.
Und ein Essen, das tatsächlich nach Essen schmeckt.
Manchmal stelle ich mir unseren Essalltag in zwanzig oder dreißig Jahren vor. Vielleicht gehen wir wieder in Supermärkte, in denen gute Grundnahrungsmittel mehr Raum bekommen als immer neue Fertigprodukte. Vielleicht wissen wir wieder, wann Gemüsesorten wirklich Saison haben. Vielleicht gehen wir auf den Markt und fragen nicht zuerst: „Was ist gerade im Trend?“ Sondern: „Was gibt es heute?“ Vielleicht bauen wir einen Teil unserer Lebensmittel wieder dort an, wo wir leben – unterstützt von neuen Technologien.
Vielleicht kochen wir wieder häufiger mit dem, was gerade verfügbar ist. Vielleicht sitzen Menschen wieder öfter gemeinsam an einem Tisch. Und vielleicht ist ein wertschätzender Umgang mit Lebensmitteln irgendwann so selbstverständlich, dass wir gar kein großes Wort mehr dafür brauchen.
Nicht, weil Nachhaltigkeit unwichtig geworden ist. Sondern weil sie Teil unserer Kultur geworden ist. Seit ich Mama geworden bin, hat diese Frage für mich noch einmal eine andere Bedeutung bekommen. Früher habe ich mich gefragt: Wie können wir gesünder leben?

Heute frage ich mich: Welche Grundlagen wollen wir der nächsten Generation hinterlassen? Welche Beziehung werden unsere Kinder zu Lebensmitteln haben?
Werden sie wissen, dass eine Mahlzeit mehr sein kann als etwas, das möglichst schnell zwischen zwei Terminen verschwindet? Werden sie wissen, wie eine reife Tomate schmeckt? Wie frisches Brot riecht? Wie viel Arbeit dahintersteckt? Wie es ist, gemeinsam etwas zuzubereiten und anschließend an einem Tisch zu sitzen?
Vielleicht klingt das nach kleinen Dingen. Für mich sind es keine kleinen Dinge. Denn aus genau diesen kleinen Dingen entsteht unser Alltag und die Art wie wir mit uns selbst, anderen Menschen und unserer Umwelt umgehen.
Mein Buch ist keine endgültige Antwort auf all diese Fragen. Es ist mein persönlicher Versuch, eine davon praktisch zu beantworten. Nicht mit mehr Regeln. Nicht mit dem perfekten Ernährungsplan. Sondern mit einer guten Grundlage.
Denn vielleicht müssen wir unsere Art zu essen gar nicht komplett verändern. Vielleicht müssen wir nur wieder lernen, ihr eine gute Grundlage zu geben.
Vielleicht beginnt genau dort eine andere Art zu essen.
Bis nächsten Sonntag – und vielleicht mit einer Frage, die uns bis dahin nicht mehr loslässt. 🌿
Eure Michaela

Die Durchdachte Vorratsbasis
Das Buch hinter dieser Geschichte.
Meine Denkweise
Warum gute Grundlagen für mich so wichtig sind.




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