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Verunsicherung steht am Anfang von Veränderung - eine neue Esskultur mit Lebensgefühl.

  • 2. Apr.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Juli

Gemeinsames Essen am Tisch als Ausdruck von Genuss, Achtsamkeit und echter Verbindung

Es gibt Momente, in denen sich das Alte nicht mehr richtig anfühlt – das Neue aber noch keinen Namen hat. Diese Momente erleben wir öfter, als uns bewusst ist. Sie beginnen selten mit einer großen Entscheidung. Meist sind es kleine Irritationen im Alltag. Etwas fühlt sich plötzlich nicht mehr richtig an. Und obwohl wir noch keine Antwort haben, spüren wir, dass wir nicht einfach so weitermachen möchten wie bisher.


Genau dieser Gedanke kam mir, als ich über unsere Esskultur nachdachte.


Wenn wir über Veränderungen in der Esskultur sprechen, könnte ich eigentlich einen kleinen Roman schreiben. Aber keine Sorge - mache ich nicht.😉 Was ich daran eigentlich schade finde? Dass wir über etwas sprechen müssen, das einmal selbstverständlich war.


Gemüsegarten mit frischem, saisonalem Gemüse als Erinnerung an eine natürliche und einfache Esskultur

Erinnerungen an eine andere Zeit

Als ich ein Kind war, war vieles rund ums Essen noch ganz selbstverständlich. Saisonal. Regional. Gemüse kam aus dem eigenen Garten, es gab feste Essenszeiten und am Tisch wurde in aller Ruhe gegessen. Wenn ich das heute beobachte, wie wir mit Essen umgehen, fühlt sich das oft ganz anders an.


Wir zählen Kalorien, optimieren, analysieren - und verlieren dabei etwas sehr Entscheidendes: den Genuss.


Genau hier setzt die Verunsicherung an: Wir sind umgeben von unzähligen Tipps, Diäten, Studien und "Superfoods" - und trotzdem fühlt sich Essen oft wie ein Pflichttermin an. Vielleicht entsteht unsere Verunsicherung gar nicht, weil wir zu wenig wissen. Vielleicht entsteht sie, weil wir zu viel hören.


Wie könnte ein anderer Weg aussehen?

  • Indem wir wieder anfangen, das zu essen, was uns die Saison schenkt und in unserer Heimat wächst. Exotische Kombinationen sind natürlich ein "Muss" - aber mit einem bewussten Blick hinter die Kulissen. Denn je mehr wir uns bewusst entscheiden, desto weniger fühlen wir uns getrieben von "man sollte" oder "man darf nicht".

  • Auch dort, wo wir arbeiten oder lernen, verlieren wir oft den Bezug zu den Dingen, die uns eigentlich gut tun.Vielleicht ein kleines Kräuterbeet für alle - ein besonderer Ort, an dem man kurz durchatmen und neue Energie auftanken kann. Mein Buchtipp: Einfach gärtnern - drinnen und draußen von Gabriele Kremer

Essen stillt nicht nur unseren Hunger. Es verbindet Generationen. Es erzählt Geschichten. Es bringt Menschen an einen Tisch. Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir uns danach sehnen, unsere Esskultur wiederzuentdecken. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil sie uns daran erinnert, was im Alltag wirklich trägt.


Gemütliches Restaurant in einer kleinen Gasse als Sinnbild für gelebte Esskultur und gemeinsames Genießen

Was wir von anderen Kulturen lernen können

Auf meinen Rucksackreisen ist mir etwas aufgefallen, das ich bis heute nicht vergessen habe. Wie selbstverständlich in anderen Teilen der Welt noch frisch gekocht wird. Ob das in Sumatra war, wo vor dem Restaurant die Schuhe ausgezogen werden, man sich auf den Boden setzt und die köstlichsten Leckereien frisch aus der Nachbarschaft bekommt. Oder in Finnland, wo es gang und gäbe ist, mit der ganzen Familie auch bei schlechtem Wetter Pilze und Beeren zu sammeln, die dann in wundervollen Hütten mit Lagerfeuerstellen inmitten von Wäldern zubereitet werden. Oder bei Italiener:innen und Französ:innen, die das Essen jeden Tag zelebieren. Dort scheint die Zeit stillzustehen, und es entsteht ein echtes Gefühl dafür, was auf den Teller kommt.


Genau das ist es, was wir Stück für Stück verloren haben – und vielleicht hat genau das auch die Verunsicherung in unser Leben gebracht.😋Vielleicht suchen wir heute nach Begriffen wie Nachhaltigkeit oder Achtsamkeit, weil das, was früher selbstverständlich war, für viele von uns nicht mehr selbstverständlich ist.


Wie könnte ein anderer Weg aussehen?

  • Vielleicht beginnt sie mit einem gemeinsamen Essen, bei dem niemand auf das Handy schaut. Mit Gesprächen darüber, was man schmeckt, wie es riecht – und wie man es beim nächsten Mal vielleicht noch etwas anders machen könnte.

  • In unserer Arbeitswelt können wir uns mit lieben Menschen für 10 Minuten bewusst Zeit nehmen und den Moment nutzen, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Moment, in dem wir essen, uns zuhören und Verbindung schaffen.


Für mich ist eine bewusste Esskultur nicht perfekt - sie schafft nur kleine besondere Momente. Nicht mehr und nicht weniger.


Ein selbstgekochtes Essen mit frischen, echten Zutaten. Ein gemeinsames Lachen am Tisch. Oder einfach das Gefühl, sich Zeit genommen zu haben - das ist Lebensgefühl. Und genau das nehmen wir mit – weit über den Esstisch hinaus.


Natürlich gewachsenes Gemüse im Permakultur-Garten zeigt die Verbindung zwischen Mensch, Natur und Ernährung

Vom Selbstanbau zur Wertschätzung - und zum Loslassen von Kontrolle

Vor einigen Jahren habe ich ein kleines Selbstversorger-Projekt gestartet. Ich liebe diese vielen kleinen Lebensprojekte. Sie versüßen meinen Alltag so sehr.😊


Ich habe den Großteil unseres Gemüses selbst angebaut – nach den Prinzipien der Permakultur. Ehrlich gesagt hatte ich erwartet, etwas über Gemüse zu lernen. Stattdessen habe ich etwas über Geduld, Kreisläufe und Wertschätzung gelernt. Wow - ich war ehrlich überrascht, wie viel Wertvolles in der Permakultur steckt. Das hat mich jeden Tag begeistert und war fern von dem, was ich bisher kannte. Heute bin ich sehr dankbar, mir dafür die Zeit genommen und so viel Wundervolles gelernt zu haben.


Wer einmal erlebt, wie etwas wächst, beginnt anders zu entscheiden. Das verändert den Blick darauf - man kauft bewusster ein, wirft weniger weg und geht achtsamer mit Lebensmitteln um.


Vielleicht verlieren wir unsere Verunsicherung nicht dadurch, dass wir noch mehr über Ernährung lernen. Vielleicht verlieren wir sie, wenn wir wieder erleben, wie Lebensmittel überhaupt entstehen. Und genau darin liegt vielleicht die Chance: wieder zu einer Esskultur zurückzufinden, die ohne Druck und ohne Stress auskommt.


Vielleicht möchtest du es selbst einmal ausprobieren.


Vielleicht hat mich die Permakultur deshalb so fasziniert. Weil sie mich gelehrt hat, dass nicht alles besser wird, wenn wir mehr kontrollieren.


Tanzende Menschen auf einer Dachterrasse als Ausdruck von Leichtigkeit, Lebensfreude und bewusstem Leben

Zurück zum Wesentlichen: weniger Kontrolle, mehr Gefühl

Vielleicht beginnt eine neue Esskultur nicht mit noch mehr Wissen. Sondern mit weniger Druck. Plötzlich reicht ein gutes Brot. Frisches Gemüse. Ein paar Kräuter. Mehr braucht es oft gar nicht. Vielleicht brauchen wir dann gar keine Apps und Tabellen mehr, die uns sagen, was richtig ist.


Ja, all das kann erstmal verunsichern, weil wir vielleicht schon anderes gewohnt sind. Vielleicht ist uns der Geschmack einfacher, echter Lebensmittel ein Stück weit fremd geworden. Wer bewusster isst, findet den Genuss oft ganz von selbst wieder.


Heller Raum mit gedecktem Esstisch als Ort für bewusstes Essen und gemeinsame Pausen im Alltag


Bewusst essen - zu Hause und im Beruf

Ich stelle mir Arbeitsplätze vor, an denen die Mittagspause mehr ist als eine Unterbrechung zwischen zwei Meetings. Orte, an denen gemeinsam gegessen, gelacht und zugehört wird. Ich denke an dieser Stelle auch an Schulen. Regelmäßige gemeinsame Mittagspausen, gesunde Snacks statt Süßigkeitenberge, Platz für gute Gespräche jenseits von Termindruck oder dem nächsten Skandal - all das stärkt das Miteinander.


Wo Essen wieder Begegnung wird, entsteht oft ganz nebenbei etwas Wertvolles: Gespräche, neue Ideen und das Gefühl, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen statt nur nebeneinander zu arbeiten.


Wie können wir einen anderen Weg gehen?

Vielleicht lohnt es sich, dem Essen wieder einen festen Platz im Alltag zu geben.

  • Wenn dich dieser Gedanke neugierig macht, lohnt sich ein Blick auf die Ideen der Slow Food -Bewegung. Dort findest du viele Menschen, die Essen nicht nur als Ernährung verstehen, sondern als Teil von Kultur, Gemeinschaft und Lebensqualität.


Vielleicht verschwindet unsere Verunsicherung nicht, weil wir noch mehr Regeln kennenlernen. Vielleicht verschwindet sie, wenn wir wieder mehr Zeit mit echten Lebensmitteln, echten Geschmäckern und echten Menschen verbringen.


Gemütliches Essen im Bett als Ausdruck von Leichtigkeit und bewusstem Genießen ohne Perfektion

Lockerheit statt Perfektion

Vielleicht beginnt eine gute Esskultur genau dort, wo wir aufhören, alles richtig machen zu wollen.


Bei uns zu Hause gibt es jede Woche einen Pizzaabend. Mal sitzen wir auf der Couch, mal mitten im Spieleparadies unseres Kleinen auf dem Teppich. Perfekt ist das nicht. Aber genau deshalb ist es schön. Es geht nicht darum, ob der Teig selbst gemacht ist oder der Käse Bioqualität hat. Es geht um die gemeinsame Zeit, das Lachen und das Gefühl, dass Essen verbinden darf.


Vielleicht brauchen wir genau davon wieder mehr. Nicht nur zu Hause, sondern auch dort, wo wir arbeiten. Vielleicht ein gemeinsames Frühstück, bei dem jede:r eine Kleinigkeit mitbringt. Oder eine Mittagspause draußen auf einer Bank statt zwischen zwei E-Mails. Oft reichen schon zehn Minuten, in denen niemand auf die Uhr schaut und das Gespräch wichtiger wird als der nächste Termin.


Kleine Rituale schaffen große Wirkung. Nicht, weil sie spektakulär sind. Sondern weil sie unserem Alltag einen Moment schenken, an den wir uns erinnern. Wenn ich an gemeinsame Essen zurückdenke, erinnere ich mich oft gar nicht mehr daran, was wir gegessen haben. Ich erinnere mich an den schön gedeckten Tisch, an selbstgemachte Dekoration, an Musik im Hintergrund und an das Lachen der Menschen, die dort zusammengekommen sind. Ich erinnere mich daran, wie wir gemeinsam Nudeln gemacht haben oder wie aus einem ganz normalen Abend plötzlich etwas Besonderes wurde. Vielleicht ist genau das der Kern einer bewussten Esskultur.


Nicht Perfektion.

Nicht Kontrolle.


Sondern kleine Momente, die uns zeigen, wie wenig es manchmal braucht, damit sich ein Tag richtig gut anfühlt.


Selbst gedeckter Tisch als Ausdruck von Liebe zum Detail, Genuss und bewusster Lebensart

Zurück zur Einfachheit - auf unseren Tellern und in unseren Köpfen

Wir können uns durch die Art, wie wir essen, nicht vor allen Krankheiten schützen. Aber wir können lernen, bewusster zu genießen. Mit mehr Zeit. Mit mehr Dankbarkeit. Und mit einem besseren Gespür dafür, was uns wirklich guttut.


Vielleicht ist genau das die Esskultur, nach der sich viele von uns sehnen. Nicht eine, die aus Regeln besteht, sondern aus Vertrauen. Nicht perfekt. Sondern lebendig.


Ich wünsche mir Restaurants, in denen mit Leidenschaft gekocht wird. Arbeitsplätze, an denen gemeinsame Mahlzeiten wieder selbstverständlich werden. Und Schulen, in denen Kinder erleben dürfen, wo Lebensmittel herkommen und wie viel Freude gutes Essen machen kann.


Denn eine gute Esskultur beginnt nicht auf dem Teller. Sie beginnt mit unserer Haltung.

Mit der Entscheidung, Essen nicht nur nach Kalorien, Inhaltsstoffen oder Trends zu bewerten, sondern wieder als Teil unseres Lebens zu verstehen. Als Zeit füreinander. Als Genuss. Als Gemeinschaft.


Und vielleicht passiert dann etwas ganz von allein.


Wer wieder Freude am Essen findet, entwickelt oft auch wieder ein besseres Gespür für den eigenen Körper. Man möchte sich bewegen. Nicht, weil ein Trainingsplan es verlangt. Sondern weil es sich gut anfühlt.


Genau darüber möchte ich im nächsten Artikel schreiben. Nicht über Sportpläne oder Leistungsdruck. Sondern über Bewegung, die uns wieder mit uns selbst verbindet.


Viele dieser Gedanken haben mich übrigens Jahre später zur Idee meiner Vorratsbasis und schließlich zu meinem Buch "Die durchdachte Vorratsbasis" geführt.


Denn ich bin heute mehr denn je überzeugt: Ein gutes Leben beginnt selten mit mehr Wissen. Es beginnt mit guten Grundlagen.


Bis nächsten Sonntag.

Eure Michaela 🌞


Meine Emfehlungen im Blick

Wenn du tiefer in das Thema eintauchen möchtest

Falls dich die Gedanken aus dieser Kolumne neugierig gemacht haben, findest du hier einige Bücher, Menschen und Ideen, die mich auf meinem Weg begleitet und inspiriert haben.


Bücher

Permakultur im Hausgarten von Jonas Gampe. Ein wunderbarer Einstieg in die Permakultur – praxisnah, verständlich und voller Ideen.

Selbstversorgung auf dem Balkon von Lisa Maria Trauer. Für alle, die auch ohne Garten erleben möchten, wie viel Freude das eigene Ernten machen kann.

Einfach gärtnern - drinnen und draußen von Gabriele Kremer. Viele alltagstaugliche Anregungen für alle, die mit dem Gärtnern beginnen oder Neues ausprobieren möchten.


Inspiration

Slow Food. Eine Bewegung, die Essen als Teil unserer Kultur versteht – mit Freude, Qualität, Gemeinschaft und Respekt für Lebensmittel.


Wenn du mehr über meine Gedanken erfahren möchtest

Viele Ideen aus dieser Kolumne begleiten mich schon seit vielen Jahren und sind Schritt für Schritt entstanden. Wenn du tiefer eintauchen möchtest, findest du hier weitere Einblicke:




























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